„Ich bin einfach zu schüchtern.“

„Ich bin einfach zu schüchtern.“ 

Genau das sagte mir neulich Kerstin, eine Femolution Klientin, in unserer ersten Coaching-Session. Sie empfinde Nervosität beim Anknüpfen von Beziehungen. Das löse eine große Unsicherheit aus, machmal sogar eine echte Angst. Sie male sich daher im Job von Zeit zu Zeit schlimme Dinge aus, die passieren könnten, wenn sie zu anderen spricht, und vermeide inzwischen das Zugehen auf Kollegen. Und das wirke sich negativ auf ihre Arbeit aus. 

Als erstes habe ich Kerstin folgendes zu ihrem unerwünschtem Verhalten gefragt: „Was ist eigentlich der Vorteil von dieser Eigenschaft? Wofür könnte er gut sein? Und was macht ihn vielleicht sogar liebenswert?“

Kerstin: „Naja, die meisten lassen mich inzwischen in Ruhe, weil sie wissen, dass ich schüchtern bin. Ich kann also ungestört arbeiten, so ist es mir auch am liebsten. Schon in der Schule haben mich Lautstärke und Gespräche anderer stark abgelenkt.“

Jasmin: „Okay. Was sind das für Aufgaben, an denen du lieber ungestört arbeiten willst?“

Kerstin: „Ich arbeite im Controlling und bereite Zahlen auf. Da dürfen keine Fehler unterlaufen.“

Jasmin: „Verstehe. Kann man sagen, dass du dank deiner Schüchternheit sehr konzentriert arbeiten kannst?“

Kerstin nickt.

Jasmin: „Und was hatte das, zum Beispiel in der Schule, zur Folge gehabt?“

Kerstin: „Naja, ich hatte immer schriftlich sehr gute Noten. Das ist mit den Ergebnissen auf der Arbeit ähnlich.“

Jasmin: „Verstehe, dann war das Meiden von Gesprächen also eine Strategie, um dir deine guten Leistungen zu sichern? Und wie war das Zuhause, war da Reden mehr Silber und Schweigen Gold, oder andersherum?“

Kerstin, lacht kurz auf: „Reden war Silber. Nur Schweigen war Gold.“

Jasmin: „Dann war Schweigen also beliebter als Reden? Wenn du dann das Wort Schüchternheit mal genauer betrachtest: Wer oder was hat dich eingeschüchtert, wenn du geredet hast und aber mit Gold belohnt, wenn du es nicht getan hast?“

Kerstin: „Meine Eltern. Wir sind vier Kinder gewesen, ich bin die Älteste. Bei uns war es immer sehr laut und besonders meine jüngeren Brüder wurden dann öfter mal vom Esstisch in ihre Zimmer verbannt, wenn sie nicht still waren.“

Jasmin: „Und wurdest auch du vom Tisch „verbannt“?“

Kerstin: „Nein, ich war ja zum Glück eher still und habe dann zum Beispiel Schularbeiten gemacht.“

Jasmin: „Klar, und dann interessiert mich natürlich, wie du das anstellst, auch heute noch – ohne dass du am Esstisch mit deiner lauten Familie sitzt – jedes mal maximal schüchtern zu reagieren. Wenn ich jetzt Ratgeberin im Herbeiführen dieser Eigenschaft werden will, welche Schritte muss ich genau befolgen?“

Kerstin: „Naja, erst mal muss richtig viel los sein um dich herum, da jeder etwas zu sagen hat, ohne, dass einer zuhört oder es überhaupt hören will, und ohne zu wissen, dass genau das Konsequenzen hat. Um nicht auch diese Konsequenzen abzukriegen, schweigst du lieber, anstatt auch noch deinen Senf ungefragt dazu zu geben.“

Jasmin: „Und wie würdest du dich verhalten, wenn du diese Eigenschaft „Schüchternheit“, die dich eben genau davor bewahrt, nicht mehr hättest? Angenommen, diese Eigenschaft könnte sprechen: Was würde sie dir erzählen, wofür du sie auf der Arbeit benötigst?“

Was Kerstin daraufhin geantwortet hat, ist in doppeltem Sinne spannend und kann von Klientin zu Klientin anders ausfallen. Gleich ist jedoch, dass jede ihrer ungewünschten Eigenschaften einen Nutzen hat, der eine gute Absicht in sich trägt. Diese arbeiten sie heraus, und somit, in welchen Situationen das Verhalten weiterhin sinnvoll ist. Sie arbeiten auch heraus, in welchen Situationen ein anderes Verhalten sinnvoller wäre – zum Beispiel immer dann selbstsicher zu sprechen, wenn sie mit dem Vorgesetzten reden wollen – und welches Verhalten das dann genau sein wird, das sie künftig haben wollen. 

Wie würde wohl deines lauten?

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